Roger Willemsen über ›Bangkok Noir‹

Das Interview führte Roof Music.

BKK

 

Roof Music: 1. Was unterscheidet Ihren Blick auf Bangkok von dem des Touristen?

Roger Willemsen: Es ging in diesem Buch nicht darum, die Sehenswürdigkeiten Bangkoks zu versammeln. Natürlich bin ich nachts über die Klongs gefahren, natürlich hab ich auch Tempelanlagen gesehen, und ich habe mich in bestimmten Räumen rumgetrieben, die – auf Plätzen oder bei Denkmälern – Menschen interessant finden könnten. Aber das war nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war, sich der Nachtstimmung auszuliefern, sich treiben zu lassen. Einfach mit Booten zu fahren bis ans Ende der Haltestellen. Sich in einen Bus zu setzen und irgendwo auszusteigen, wo die Leute auch aussteigen. Das war entscheidend. Also sich einfach mit den Stimmungen der Nacht zu bewegen und auch zu fragen, wo würde man sich hier amüsieren, wo verweilt man, wo gibt es etwas zu sehen, wo ist Erfahrung plötzlich verdichtet. Und das geschieht im Buch in lauter Momentaufnahmen. Manchmal sind das nur Stimmungsbilder, manchmal sind es Szenen, die in kleinen Pointen enden. Aber es kann auch sein, dass es manchmal nichts weiter ist als eine Zustandsbeschreibung, ein Stillleben, etwas, auf dem Nachtlicht liegt. Und gerade weil diese Konzentration auf diese Spanne des Tages diesem Buch so wichtig ist, gerade deshalb ist, glaube ich, die atmosphärische Verdichtung auch eine, die die Nacht wirklich spiegelt.
Roof Music: 2. Die Stadt
Roger Willemsen: Ich habe Bangkok vor ungefähr 30 Jahren das erste Mal besucht. Damals schien mir die Stadt ein wenig dörflich, zusammengesetzt aus Flecken, ich mochte sie nicht besonders, die wenige Hochbau-Architektur wirkte verloren und es war eine Stadt, die eigentlich den großen asiatischen Städten Chinas und Japans hinterherhinkte. Aber Bangkok hat seither eine nicht nur hoch entwickelte, sehr eigene, nationale Kultur entwickelt, die wir eigentlich nur noch mit Thai-Boxen verbinden, die aber ganz viele andere Formen der Mode, des Magazin-Designs, der Straßenkultur nach sich gezogen hat, sondern sie hat auch eine gewisse Reserve gegenüber Modernisierungsbestrebungen anderer Länder gezeigt. Und so ist dort weit mehr von dem erhalten, was Straßenkultur zum Beispiel ausmacht, in den Garküchen, in den Schneidereien, in den Glücksspiel-Salons, auf den Märkten, in den vielen Zuwandererstädten – dort überall gibt es reiches, abenteuerliches Leben. Und das zu besuchen und auch zu vergleichen mit der Zeit, in der ich Bangkok kennen lernte, war außerordentlich rasant.
Roof Music: 3. Die Nacht-Perspektive
Roger Willemsen: Wenn man die Stadt nur aus der Nacht-Perspektive sieht, dann hat man das Gefühl, dass man ihr auf ganz eigene Art und Weise näher kommt. Weil das, was heimlich ist an einer Stadt, das wird sie nachts versprechen. Und man kann sich auf die Spur aller dieser Versprechen setzen. Und dann wird man feststellen, dass es nicht immer nur die sind, die ins Erotische zielen, die einen besonders erregen.
Roof Music: 4. Die Sex-Industrie
Roger Willemsen: Die Sex-Industrie, von der im Westen so viel Aufhebens gemacht wird, nimmt in Bangkok nur einen winzigen Teil aller Vergnügungen ein, die man dort erleben kann. Und ehrlich gesagt, die Thais selber wissen von diesen ganzen Sex-Diensten häufig sehr wenig. Und die meisten der Mädchen, denen man auf Fischmärkten begegnet oder irgendwo am Stadtrand oder in Chinatown, sind noch nie in einer dieser Zonen gewesen, wo die Sex-Industrie de facto viel kleiner ist als die Reeperbahn in Hamburg ist, jedenfalls in den Einzel-Straßenzügen, wo die Zuhause sind. Es war also klar, dass ich auf der einen Seite den sexuellen Vergnügungen der Stadt nicht gerade ausweichen würde, dass ich wissen wollte, wie es in den Bars aussieht, auch in den unterschiedlichen Bars. Aber nichts ist dort so fern wie die Lust und es gibt nicht so viele Vergnügungen, die sich ausschließlich beschreiben lassen, indem man sich in den Bars rumtreibt. Insofern hat mich mein Weg durch Bangkok sehr bald von diesen Spuren weggeführt und ich habe ganz andere Begegnungen gemacht und habe andere Akzente gesetzt und auch andere Seiten der Nacht dramatischer gefunden als ausgerechnet die, die man in den Clubs aufblättern kann.
Roof Music: 5. Was charakterisiert die Nacht in Bangkok?
Roger Willemsen: In den Nächten zeigt eine Stadt ein ganz anderes Gesicht. Es ist die Zeit, in der die Nachtschwärmer, die Nachtschattengewächse rauskommen. Es gibt Menschen die leben ausschließlich in der Nacht. Es ist plötzlich ein anderes Verhältnis zum Heimlichen festzustellen. Es gibt Lustversprechen und von denen bleibt häufig am Ende nur das Versprechen übrig. Aber es ist nicht alleine der Rotlichtbereich, es sind nicht die Karaoke-Bars alleine, die Soaplands, in denen man verschwinden kann oder selbst diese Form der lässigen und schwer nachvollziehbaren Prostitution oder Halb-Prostitution an den großen Straßen, sondern es sind Vergnügungen aller Art, die ihren Fächer aufschlagen in den Nächten von Bangkok. Es sind ebenso die Spielsalons, es sind die Plätze, wo man trinken und tanzen kann, wo man sich unter freiem Himmel massieren lassen kann. Es sind die Kickbox-Studios, in denen noch trainiert wird. Es ist am Lumpini Park die Anlage mit den Krafttrainigsräumen, wo man unter freiem Himmel sich stählen kann. Es sind die Wege der Elefanten, denen man folgen kann und die durch das Nachtleben schaukeln. Es sind die zahlreichen kleinen Gruppen von Katoys, also Ladyboys, die auf ganz eigene Weise einen Zauber und manchmal auch eine Bedrohung entfalten. All das mischt sich in dieser Stadt und ganz besonders eben in der Nacht auf so dramatische Weise, dass es einen auf eigene Weise herausfordert.
Roof Music: 6. Wie also sah Ihr Nachtablauf aus?
Roger Willemsen: In aller Regel bin ich abends auf die Straße gegangen – und zwar zum ersten Mal am Tag – bin ungefähr gegen fünf Uhr morgens zurückgekommen, und habe versucht, alle Plätze zu finden, die irgendwie von Interesse waren. Dazu gehörten die Kick-Box-Studios, die Theater, die kleinen Restaurants und die Großen, die Roof-Bars, die kostbaren, die edlen Plätze mit ihren Modenschauen und den etwas esoterisch wirkenden Clubs. Es gehörten die Sing-Alongs und die Soaplands dazu, die Karaoke- und – natürlich auch die anderen Bars. Es gehörte dazu, dass ich mit einem Rettungswagen über die Straßen gefahren bin, um Verletzte aufzusammeln, dass ich beim Sarg-Spenden war, beim Penis-Schrein. Ich habe mich einmal im größten Krankenhaus operieren lassen, extra in der Nacht mit einem doppelten Leistenbruch, habe erfahren wie es in Krankenhaus-Kellern um diese Zeit aussieht. Ich habe zugesehen, wie die Elefanten zu ihren Schlafplätzen unter den Autobahn-Brücken geführt wurden. Ich war an den Stadträndern und hab bei den Leuten, die in Plattenbau-Wohnungen saßen beim Gewinnspiel, gesessen und zugesehen. Ich hab versucht, bei jedem Lebensraum in dem etwas passiert in dieser Stadt, aufzusuchen und zu besuchen und zu protokollieren.
Roof Music: 7. Sie verwenden viel Augenmerk auf die Darstellung der Lichtverhältnisse.
Roger Willemsen: Zu den rasanten Dingen in einer Nacht gehören natürlich Licht und Schatten, die veränderten Lichtverhältnisse. Es setzt plötzlich das Licht eigene Akzente. Das Licht entscheidet, was zu sehen und was nicht zu sehen ist. Das Licht hat einen regelrechten Auftritt. Manchmal wirkt die Stadt wie von Kerzenlicht erleuchtet. Dann hat man das Gefühl alles schimmert, alles ist atmosphärisch von Innen aufgeheizt. Dann gibt es die spröden, kühlen, Neon beleuchteten Wohnanlagen an den Stadträndern, wo die Leute abends zum Glücksspiel versammelt sind oder wo sie unter Planen im Regen sitzen und ihre Hühnchen braten. Und es gibt die kleinen Garküchen, wo nur die Leute eines Viertels zusammenkommen. Oder es gibt Gottesdienste oder es gibt Tempeldienste, es gibt Stätten, wo man abends noch seine Spenden abliefern kann, wo man Buddha opfert oder bestimmten Gottheiten opfert. Diese zahlreichen Mischungen der Religionen sind in Bangkok ganz erstaunlich. Oder aber man geht in eine Flussschlaufe, wo es bis vor kurzem keine Brücke gab, so dass ein völlig isoliertes Areal entstanden ist, ein Fluchtort für Leute aus Kambodscha und Laos. Da ist ein völlig dörfliches Leben mitten in der Stadt. Man geht zum Hafen, man setzt mit einem langen Boot über und man ist in einer kleinen Allee, wo Lampions über der Straße schaukeln und wo die Leute noch in den Bananenplantagen arbeiten und wo das Essen ein anderes ist und man plötzlich denkt, man sei 100 Kilometer weit weg von der großen Stadt.
Roof Music: 8. Sie müssen doch dauernd der Armut begegnet sein?
Roger Willemsen: Man begegnet auf den Straßen Bangkoks der Armut überall. Es kommen so viele Menschen aus den nördlichen Provinzen nach Bangkok. Es ist eines der am stärksten zentralisierten Länder. Es zieht alle in diese Stadt, eine Stadt von ca. 10 Millionen Einwohnern und man kann sich vorstellen, wie groß der Anteil der Wanderarbeiter ist, die man nachts auf den Baustellen arbeiten sieht, oder wie groß der Anteil bäuerlicher Charaktere ist, die dort mit irgendwelchen Garküchen versuchen sich durchzubringen. Auch die Armut wird genommen als etwas wohin einen das Schicksal gestellt hat. Es gibt nicht diese Empörung, diesen Sozialkampf, den man sich hier vorstellen würde. Das heißt nicht, dass man es gut heißen kann. Das heißt aber, dass es eine gewisse Form des Einverständnisses mit der Existenzsituation, in der man sich findet, besteht. Ich habe selten erlebt, dass sich so wenige Menschen mit Ambitionen, mit Ehrgeiz finden, auch mit dem Ehrgeiz, so zu sein wie die Menschen im Westen sind. Nein, der Thai hat in der Regel auf der Grundlage seiner Religion eher das Gefühl, er sei auf die richtige Stelle gestellt und wird sich mit dieser Lage weitestgehend arrangieren und das sogar ganz glücklich.
Roof Music: 9. Was macht nun das Besondere an Bangkok für Sie aus?
Roger Willemsen: Bangkok ist auf der ganzen Welt die buddhistischste Stadt, die ich kenne. Buddhistisch deshalb, weil alle Menschen ein Interesse daran zu haben scheinen, das Allgemeingefühl zu steigern. Der Thai-Ausdruck dafür ist „sanuk“. Es soll allen gut gehen und allen in Gemeinschaft. Deshalb ist es eine äußerst unaggressive Stadt. Eine Stadt, die mit dem Sex-Tourismus insgesamt sehr wenig zu tun hat als man nach dem Ruf, den die Stadt hat, denken sollte. Es wird darin gegessen, gespielt, es werden Feste und Märkte abgehalten und es ist eine so vielgesichtige Stadt, dass sie gar nicht unbedingt als Ganzes schön zu sein braucht, sondern dass sie vor allem das ganze Drama des Nachtlebens mit all seinen Versprechen und kleinen Verwicklungen vor dem Besucher ausbreitet. Dramatischer Raum …
Roof Music: 10. Haben Sie keine Berührungen mit der Kriminalität gehabt?
Roger Willemsen: Natürlich sind die Nächte Bangkoks ähnlich gefährlich wie die in anderen Großstädten, natürlich gibt es auch dort Tote – aus vielen Gründen. Es gibt auch Banden dort. Es gibt auch mafiös organisierte Gruppen. Es gibt auch eine Droge dort, die „Yaabaa“ heißt und die zu starken Aggressionsschüben führt. Trotzdem fühlt man sich auch in den Nächten Bangkoks eigenartig sicher. Und zwar auch deshalb, weil der buddhistische Grundgedanke der ist, Menschen zu schützen. Und ich glaube, dass die Menschen in Thailand eher die Integrität ihres Gegenübers respektieren und insofern auch Berührung, rohe Gewalt Zumutungen sind und die werden schon zur Verschlechterung des eigenen Karmas nicht eingesetzt. Insofern habe ich mich in Bangkok eigentlich immer sicher gefühlt.
Roof Music: 11. Sie haben auch die Demonstrationen begleitet, die dann zur Staatskrise führten.
Roger Willemsen: Ich erinnere mich an eine Nacht, da kam ein Taxifahrer und sagte „Geht mal zum Campus, da sind Demonstranten!“ Und wir kamen dorthin und auf der einen Seite hatten sich Demonstranten für eine neue Regierung verbarrikadiert. Und auf der anderen Seite waren die Gegner. Es handelte sich um zwei Grüppchen, vielleicht 100 auf jeder Seite mit Megaphonen bewaffnet, sehr friedlich. Aus diesen allerersten Anfängen der Demonstration ist schließlich eine Protestbewegung geworden. Eine Protestbewegung, die zu einer Ablösung von mehreren Regierungen geführt hat, die zu einem permanenten Hin und Her zwischen den so genannten Roten und den Gelben führte, die auch zu Toten geführt hat, zu einer Komplettblockade des Flughafens, damit zum Erlahmen des Tourismus und schließlich zu einer Art Fast-Staats-Streich, der Bangkok bis in die jüngste Zeit bestimmt hat. Ich habe diese Bewegung und diese Teilnahme an den Demonstrationen und auch die vielen Aufenthalte bei den Demonstranten im Buch eingeschlossen, weil sie auch zum guten Teil nachts stattgefunden hat.
Roof Music: 12. Warum haben Sie es auch als Hörbuch herausgebracht?
Roger Willemsen: Besonders reizvoll war es, einen Text, der so weitgehend sich auf Atmosphärisches, auf Stimmungen, auch auf Lichtverhältnisse, auf Gerüche konzentriert, auf ein Hörbuch zu bringen. Denn dort muss man die ganze Suggestion in die Sprache legen, man muss sie in die Geräusche und Klänge legen, die wir unter den Text zum Teil montiert haben. Und man muss die Suggestion, die alleine aus dem Sinnlichen entsteht, noch mal stimmlich aufbereiten und so übertragen. Insofern muss es ein atmosphärisch dichtes Hörbuch werden. Es muss etwas sein, das die Hörerinnen und den Hörer direkt in die Stimmung einlässt, die die Straßen Bangkoks nachts um einen schlagen. Und ich glaube, dass gerade, wo man sich so stark auf das Stimmungsartige, auf das Atmosphärische verlässt, dass da das Hörbuch besonders geeignet ist und hoffe, dass da ein Zuwachs gegenüber dem gedruckten Text entsteht.
Roof Music: 13. Die Fotos
Roger Willemsen: Ich hatte Glück, in Bangkok mit einem Mann unterwegs zu sein, den ich vor Jahren bei einem Fast-Fahrradunfall in Hamburg kennen gelernt hatte, einem Fotografen, der seit vier Jahren in Bangkok lebt und der hatte mir ein paar Fotos vorgelegt und mich gefragt „Was würdest Du damit machen?“ Und diese Fotos fand ich so animierend – Fotos aus der Nacht von Bangkok – , dass ich sagte „Ich möchte dahin kommen, ich möchte ein paar Monate da leben und dann möchte ich abends mit Dir über die Straßen gehen und nachsehen, wie dieses Leben in Bangkok sein könnte“. Und das haben wir gemacht. Und da er dort lebt, und da er Thai spricht und da mit vielen Freunden, die Thais sind oder anderer Nationen angehören, so eng verbunden ist, habe ich an seiner Seite die Stadt aus einem viel intimeren Blickwinkel sehen können, als es einem rein Fremden sonst möglich gewesen wäre. Insofern ist dort ein Nocturno entstanden, das irgendwo zwischen den Bildern, die Ralf Tooten fotografiert hat und den Texten, die ich versucht habe in Korrespondenz dazu, aber nicht als Bildbeschreibung zu liefern, da ist etwas entstanden, was dann hoffentlich die gesamte Nachtstimmung optisch und literarisch zusammenführt.

Das Interview führte Roof Music (Hörbuch von ›Bangkok Noir‹)

Quelle: Roof-Music.