Von Serhat Aktas

 

Die Geschichte des Weinguts beginnt so wie viele dieser Geschichten beginnen: Der Ur-Urgroßvater gründet das Weingut im 19. Jahrhundert im pfälzischen Winzer-Dorf Duttweiler, etwas südlich von Neustadt an der Weinstraße. Der Senior-Chef Heinz Bergdolt-Reif, hat in den 60ern, wie viele der Kollegen seiner Generation, der Fasswein-Produktion den Rücken gekehrt und wechselte zum Flaschenweingeschäft.

Gott sei Dank gab es in den 60ern, 70ern und vor allem in den 80er Jahren viele solcher Enthusiasten, die auf Qualität setzten und ihren Traum verwirklichten. Was für Plörren wir heute sonst teilweise trinken müssten, will ich mir gar nicht vorstellen.

In den 80ern heiratete der Vater Bernhard Nett, die Mutter von Christian, Frau Bärbel Bergdolt-Reif, und stieg komplett in das Weingut ein. Daher kommt auch der etwas gewöhnungsbedüftige, sperrige Weingutsname Bergdolt-Reif und Nett! Doch das basiert auf der Wertschätzung, die Namen beider Familien weiterhin zu tragen. Bernhard Nett konzentrierte sich auf das Privatkundengeschäft und steigerte die Verkaufszahlen enorm. Der Sohn Christian hat sich vorgenommen, Gastronomie und Fachhandel mit seinen Weinen zu verstärken.

Der zweifache Vater Christian, der übrigens die 5. Generation ist, absolvierte im Jahre 2000 seine Lehre. In seiner Ausbildung arbeitete er in nicht weniger bekannten Weingütern wie August Ziegler, Dr. Deinhard (von Winning) und dem großen Vorbild Müller-Cartoir. Vier Jahre später schloss er den Winzermeister erfolgreich ab. Seit 2000, gleich nach seiner Lehre, arbeitet er im Familienbetrieb. Die Übernahme der Führung war selbstverständlich schleichend, aber ganz offiziell war es mit dem neuen Weingutslogo im Jahre 2007.

Zu Beginn seines Einstiegs hatte das Familienweingut 25 Hektar. Heute sprechen wir von einem mittelgroßen Betrieb mit 37 Hektar. Circa 70 Prozent der Weinberge nehmen weiße Rebsorten ein. Vor allem sind die Wingerts mit Riesling, dann Weiß- und Grauburgunder, Silvaner und Sauvignon Blanc bepflanzt. Außerdem ein paar weitere Aromarebsorten wie Scheurebe, Muskateller und Gewürztraminer. Bei dem Roten gibt es Spätburgunder, Dornfelder, Merlot und Lagrein. Ja, Lagrein! Ich weiß, es klingt verrückt, aber so ist Christian. Der Duttweilerer baut als einer der ganz wenigen in Deutschland diese Rebsorte an. Mit sehr gutem Erfolg!

Warum ausgerechnet Lagrein, Christian?

Ich war und bin oft in Südtirol. Während meiner Aufenthalte bin ich der Sorte immer näher gekommen. Jeder Winzer hat seinen Lieblings- „Exoten“. Lagrein ist meiner. In dem heißen Jahr 2003 pflanzte ich die Rebsorte an und den ersten Wein vinifizierte ich bereits 2005. Nicht viel, nur 0,4 Hektar.

Welcher Wein war bis jetzt Dein Lieblingswein aus Deiner eigenen Produktion?

Mein Liebslingsbaby, das ich selber produziert habe, ist der 2011er Weißburgunder ELF aus der Avantgarde-Label. Aber der 99er Grauburgunder Auslese von meinem Vater, an dem ich gar nicht mitwirkte, ist mein Highlight aus unserem Weingut.

Was bedeutet Wein für Dich?

Wein bedeutet, neben der Familie, alles für mich… Leben, Region, daheim (Heimat ist aktuell medial etwas komisch besetzt), Liebe, Familie, Spaß, Freunde, machen, selbst verwirklichen, etwas schaffen und entstehen lassen!

Die Rebfläche wuchs rasant, das Gutshaus leider nicht. Trauben, aus 37 Hektar, fordern natürlich größere Kelteranlagen, Tanks, Fässer und Lagermöglichkeiten. Daher entschied sich Christian zu seinem 10 jährigen Jubiläum der Führung ein neues Gutshaus bauen zu lassen. Nun, Gutshaus ist etwas untertrieben. Wohl eher ein Schloss! Größere Produktions- und Lagerhallen, Räume für Veranstaltungen, Vinothek und eine riesige Terrasse für seine Grill-Abende.

Das neue Gutshaus erinnert architektonisch an einen gigantischen japanischen Teepavillon. Bei der Außenfassade wurde die jahrtausendealte Technik Shou-Sugi-Ban angewendet. Hierbei wird durch Verkohlen der äußeren Schicht das Material konserviert und bekommt somit einen natürlichen Schutz gegen Pilze und Ungeziefer. Die Eröffnung war Anfang September diesen Jahres.

Warum habe ich das Weingut Bergdolt-Reif & Nett zum Weingut des Monats ausgesucht?

Ein Weingut, das ganz klassisch von Vater zu Sohn weitergegeben wurde, trägt immer Sympathie mit sich. Zwischendurch der Schwiegersohn, aber trotzdem ein Sohn! Weil jede Generation etwas anderes, dennoch das Richtige getan hat. Der Großvater entschied sich für die Flaschenproduktion, der Vater pflegte und intensivierte das Geschäft mit den Privatkunden und der Christian gibt mit der Gastronomie und dem Fachhandel Gas.

Selbstverständlich tragen diverse Preise, die Christian jährlich für seine Weine bei etlichen Wettbewerben gewinnt oder gute Bewertungen bei Weinführern und Auszeichnungen zum Aufsteiger und Jungwinzer des Jahres, dazu bei! Überall in Deutschland nimmt er an Veranstaltungen und Messen teil. Die Wichtigkeit der Präsenz, Werbung, Marketing und Social-Media hat der Christian früh genug verstanden. Weil das Weingut für jeden Geschmack was da hat. Von Schaum- bis zum Orangewein. Neu und alt, Innovation und Tradition, unbändig aber bodenständig, neugierig und geduldig, verrückt aber gescheit. 

Tradition: Pfälzische Rebsorten für den Alltag.

Black Edition: Freestyle-Kategorien zwischen Tradition und Avantgarde. Neue Ideen, die man beim Ausbau hat. z.B. Batonnage, Sponti oder Rose ins Barrique.

Avantgarde: Beste Parzellen der einzelnen Rebsorten mit dem Namen der Parzelle auf dem Label.

Prestige: Die besten 2-3 Fässer aus den besten Parzellen und aus besonderen Jahrgängen.

Nostalgie: Die „alten Litersachen“, die der Opa schon hatte. Dornfelder, Müller-Thurgau usw.

Special: Die „Speziellen“ die in keine Kategorie reinpassen.

Weingut Bergdolt-Reif & Nett: Dudostraße 2, D-67435 Duttweiler/Pfalz

www.weingut-brn.de